Am Donnerstag waren wir nach beinahe sechsmonatiger Vorfreude in Frankenthal, bei "The Kings Speech".
Das erste Mal Theater seit, nunja, mindestens der Schulzeit. Insofern waren wir recht unvoreingenommen. Allerdings versprach die Besetzungsliste mit unter anderem Steffen Wink und Götz Otto ganz großes Kino. Und wir wurden diesbezüglich nicht enttäuscht.
Das Theater haben wir sehr gut gefunden.
Und wir waren pünktlich genug da, um uns da drin umzusehen und unsere Plätze einzunehmen.
Erste Reihe, genau in der Mitte. Da saßen wir dann auch. Völlig allein, neben uns waren fünf bzw ein Platz frei. Warum?!? Der restliche Saal war ausverkauft?!?
Erwartungen hatten wir aufgrund der Tatsache, dass wir den Film mit Colin Firth und Helena Bonham Carter gesehen und gemocht haben. Eigentlich wollten wir nicht vergleichen, aber wir wurden durch das Stück dazu gezwungen, denn das ist erstaunlich anders als der Film. Nicht nur in der Umsetzung, sondern auch in Inhalten.
Der wichtigste Unterschied, der mir negativ auffiel, war bei Queen Mum. Im Film wird sie liebevoll-unterstützend, wenn nicht sogar als die treibende und ermutigende Kraft hinter der Sprachtherapie, dargestellt - auf der Bühne scheint sie eher dagegen zu sein und verbietet sie Bertie wichtige Übungen. Das fanden wir Beide sehr schade und unverständlich. Und ich sehe Queen Mum so nicht.
Weitere wichtige, nicht unbedingt negative bzw erklärbare, Unterschiede:
1. Das Theaterstück ist als Komödie angelegt, der Film eindeutig ein Drama mit wenigen lustigen Momenten. Das ist schon ein irritierender Unterschied.
2. Aufgrund des Mangels an (Kinder-)Schauspielern fehlen die Kinder, sodass auch Darstellungen geändert wurden. So spricht auf der Bühne Lionels Frau von seiner Fähigkeit, George zu helfen, im Film ist es der Sohn.
3. Die Charaktere wurden anders gezeichnet. Im Film kommt beispielsweise nicht so deutlich rüber, dass Lionels Familie zurück nach Australien will, und ist David nicht soooo unsympathisch.
4. Einige Fakten, die im Film nicht vorkamen, wurden auf der Bühne betont. Wichtige Allgemeinbildungs-Fakten, wohlgemerkt, beispielsweise die Sterbehilfe an King George IV.
Sehr irritiert hat mich auch die minimalistische Bühne. Es gab kaum Kulisse, da standen nur Bühnenteile und ein verschiebbarer Lichtquader. Es erforderte wahnsinnig viel Phantasie, um sich an einen Ort mitnehmen zu lassen. Und bei aller Kreativität - Phantasie und Vorstellungskraft waren noch nie meine Stärken. Das fand ich sehr anstrengend.
Und ich stellte fest, dass ich mehr der Filmtyp bin, ich brauche Kulisse und Szenenbild.
Über die Inszenierung und das Bühnenbild kann ich also wenig sagen.
Es gab einige sehr starke, beeindruckende Bilder - und passende, gut geschneiderte Kostüme.
Beispielsweise diese von der offiziellen Homepage http://www.kempf-theater.de/king/index.shtml
Die minimalistische Inszenierung schmälert aber nicht die schauspielerische Leistung der Darsteller.
Alle Nebendarsteller waren sehr gut, wenngleich wir gewisse Irritationen über einige Besetzungen verspürten. Vor allem Daniela Kiefer: Sie hat ihre Rolle als Elizabeth die Erste gut gespielt. Sie kann nichts dafür, dass ich sie noch aus "Hanna" kenne und ich nicht von der unsympathischen Rolle los kam. Aber es war trotzdem komisch für mich.
Steffen Wink konnte als Sprachtherapeut 100%ig überzeugen. Er hat die Rolle in manchen Szenen so gut gespielt wie Geoffrey Rush. Ich habe ihm sowohl das Bittende, Flehende gegenüber seiner Frau als auch das Überlegene, Herausfordernde gegenüber seinen Patienten voll abgenommen.
Götz Otto ... was soll ich sagen ... er passt optisch überhaupt nicht zum schüchternen, sprachgestörten und eher unterdrückten Prinzen und späteren König. Götz ist zu muskulös und durchtrainiert - wer traut sich denn bitte, Götz Otto (!) zu mobben oder über ihn zu lästern!? Und wenn Du ihn als Nazi kennst, dann bist Du noch gespannter auf ihn und darauf, ob er den englischen König kann.
Aber: Wir haben schnell vergessen, dass da Herr Adler vor uns steht. Oder, dass er viel zu gut gebaut für die Rolle ist. Da stand Bertie, da stand King George. In einer in allen Punkten - nur nicht den optischen - besseren Darstellung als der von Colin Firth, der immerhin einen Oscar bekommen hat für Bertie. Das Gebrochene, Verzweifelte, Selbstzerstörerische, das Zweiflerische, Ängstliche, aber auch die Stärke des Königs waren überzeugend. Er war richtig laut, wo er laut sein musste, er hat uns, die wir direkt vor ihm saßen, weggebrüllt. Er war sanft. Und verdammt sportlich, als er Daniela Kiefer heben musste. Wir waren sehr beeindruckt von Götz Otto.
Und werden jetzt große Teile seiner Filmografie nachsehen, denn wer ihn nur für den Nazi hält, der tut ihm schwer Unrecht. Ich habe Götz grad als Schwulen gesehen ... auch das kann er!
Alles in allem kann ich sagen, dass es uns sehr, sehr gut gefallen hat und wir einen schönen Abend hatten.Wer noch die Möglichkeit hat, das Stück zu sehen, sollte das tun.
Wer nicht, der sollte sich den Film ansehen, der zwar ganz anders, aber aufgrund der tollen Bilder irgendwie besser ist. Wenn man noch Götz Otto auf die Hauptrolle setzen würde, man hätte den perfekten Film!
Und zum Ende noch ein ganz persönlicher Kommentar: Andreas und ich hatten schon im Sommer bei Götz Otto angefragt, ob es nach der Vorstellung Autogramme gibt. "Klar!" war die Antwort. Nur leider konnten wir trotz zahlreicher Nachfragen keinen offiziellen Ort für Autogramme ausmachen.
Also musste die Radikallösung her: Suche den Bühnenausgang! Uumsonst haben wir die BluRay jetzt nicht mitgenommen!
Nette Mitarbeiter des CongressForum gaben uns Wegerklärungen zur Garderobe und bestätigten uns, dass wir da warten könnten. Und Daniela Kiefer, die gemeinsam mit Steffen Wink rauskam, bestätigte uns, dass er noch komme - und war sogar so nett, anzufragen, ob er da raus komme, wo wir stehen. Dafür ein Stein in meinem Brett.
Götz Otto kam dann auch und wir waren erstmal schwer beeindruckt. Ist der Mann riesig! Er wusste zwar nichts mehr von meiner Anfrage, scheinbar ist das gar nicht er bei facebook. Aber natürlich signierte er uns gerne die BluRay - nachdem er den (vorher eigentlich geprüften) Stift zum Laufen bekam :-) Er fragte dann auch noch nach, ob uns das Stück gefallen habe und wirkte dabei sehr sympathisch. Ich hab schon Stars erlebt, die unfreundlicher mit ihren Fans umgingen ...
Er sollte nur ab und an darauf achten, dass seine muskulöse Riesenstatur ihn nicht vor vorbeikommenden Autos schützt, wir hätten ihn aufm Heimweg beinahe überfahren und Deutschland damit einen der attraktivsten Bösewichte und Teilexporte in den internationalen Film genommen ...