Donnerstag, 3. September 2015

Der alte Mann und das Netz


Heute leider eine nicht so gute 3-Sterne-Rezension, die mir nicht ganz leicht gefallen ist. Das Buch könnte mehr Sterne verdient haben, aber alles in allem und vor allem aufgrund der Ähnlichkeiten zu einem sehr lustigen Buch von Tobias Mann waren leider nicht mehr als drei Sterne drin.

Schon als die erste Werbung für dieses Buch auftauchte, dachten mein Mann und ich unweigerlich an Hilfe, die Googles kommen!: Mein Leben als Digital Dummy von Tobias Mann, das nicht nur sehr ähnliche Themen bespricht, sondern eben auch von den Problemen eines jungen Mannes berichtet, dessen Eltern plötzlich Computer und Internet wollen und den armen Sohn tage- und nächtelang mit schweren Krisen wie dem angeblich gelöschten Internet in Schach halten.

Natürlich kann (und muss) ich nicht beweisen, dass sich Christian Humberg von seinem Kabarett-Kollegen inspirieren ließ, der Verdacht liegt aber nahe. Ich will an dieser Stelle auch darauf hinweisen, dass wir nur von einer Inspiration, nicht von Copy & Paste sprechen.
Natürlich ist es nicht schlimm oder verwerflich, wenn sich Autoren von guten Büchern inspirieren lassen - ohne umgesetzte Inspirationen gäbe es viele der bei den für Herrn Humberg oft thematisierten Geeks und Nerds beliebten Bücher aus dem Science-Fiction-Genre nicht, ein großer Verlust für Leseratten.
Aber wenn ich mich schon inspirieren lasse, dann sollte ich vielleicht darum bemüht sein, Fehler meiner Quelle nicht zu machen und mein eigenes Buch noch besser zu schreiben als meine "Quelle".

Das gelingt Christian Humberg leider nicht, was sowohl bei meinem Mann (liest Science-Fiction) und auch bei mir (eher adoptierter Geek) zur Entscheidung führte, das Buch schlechter zu bewerten als das vermeintlich kopierte. Es bleiben also drei Sterne für den alten Mann und das Netz, die ich gleich ohne Rückgriff auf die Googles bewerten werde. Vorher muss aber noch die Begründung für das Ergebnis unseres Googles-Vergleiches stehen. Wie gesagt finden wir das Buch in vielen Bereichen schlechter als die Googles, wozu für uns vor allem
1. Der Humor gehört, der bei Christian Humberg weniger vorhanden ist als bei Tobias Mann. Ein Problem von Christian Humberg ist hierbei sicher, dass er den Aufbau des Buches etwas versemmelt, die witzigsten Stellen allesamt in der vorderen Hälfte vorkommen. Da der alte Mann nicht unbedingt chronologisch wirkt oder erzählt werden müsste, wäre ein lustigerer Aufbau möglich gewesen. Weitere Punkte sind:
2. Der Schreibstil: Wir empfinden den Schreibstil von Christian Humberg als zu ernsthaft für dieses Thema, als zu wenig locker, als etwas gestelzt und insgesamt schlecht lesbar. Das kann nun daher kommen, dass sich der Autor sehr darum bemüht, eine echte Erzählung aus seinem Buch zu machen, was dann aber wiederum zwei weitere Probleme aufwirft, erstens die fragliche Authentizität (dazu gleich mehr) und zweitens den zu diesem Thema einfach nicht passenden Stil.
3. Die Comics: Die Googles leben auch von den enthaltenen Comis, die andere Bücher von Christian Humberg erst ausmachen. Etwas Auflockerung durch Comics würde auch dem alten Mann gut tun.

Ich will aber auch darauf hinweisen, dass der alte Mann seine vermeintliche Inspiration in zwei Punkten schlagen kann:
1) Gerade aufgrund des erzählerischen, seriöseren Schreibstiles ist der alte Mann ein Buch, das auch bei der älteren Generation, in gewisser Weise wohl der Zielgruppe, ankommen wird. Den alten Mann kann ich als junger Geek problemlos meinen (Groß)Eltern schenken, um sie auf viele zu erwartende Probleme mit ihrem Internetwunsch aufmerksam zu machen und ihnen die Gedanken hoffentlich auszutreiben.
2) Auf den größten Kritikpunkt an den Googles, die Fußnoten, kann Christian Humberg verzichten, was sein Buch deutlich lesbarer macht.

Gut, den Vergleich mit den Googles verliert der alte Mann also mehr als eindeutig.
Wie aber schlägt er sich als für sich betrachtetes Buch? Auch hier muss ich leider sehr viel Kritik üben. Einiges habe ich weiter oben schon genannt, so liegt mir der sehr gezwungene Schreibstil nicht und finde ich den Aufbau schlecht gewählt. Es gibt aber weitere Kritikpunkte, die letztlich zu gerade noch vier Sternen geführt hätten:
I Mein größtes Problem mit dem alten Mann ist, dass sich Christian Humberg nicht entscheiden kann, ob das Buch nun authentisch und damit glaubwürdig sein soll - oder doch eher in den Bereich Fiction gehört.
Es gibt da zwar das Vorwort, genannt Disclaimer, laut dem "keinesfalls" wahre Ereignisse oder "durch und durch reale[n] Vorbilder" die Grundlage des Buches bilden, aber irgendwie glaubt sich das der Autor selbst nicht. Einerseits stöhnt er durchaus glaubwürdig über den sympathisch tattrigen, interessierten, mit Gegenständen und Moderatoren schimpfenden Rentner, der weder die Onlinebestellung noch das Schreiben von Mails an mehrere Empfänger hinbekommt noch versteht, was er mit Twitter soll und was der Natur des Social Media gemäß nicht funktionieren kann. Andererseits beschreibt er einen der großen deutschen Technikmärkte beinahe paradiesisch mit bemühten, mit Fachwissen gesegneten Mitarbeitern und will er seinen Lesern plötzlich weiß machen, dass Horst und seine Freunde erfolgreiche Hacker sein können, die trotz eines klaren und gestandenen Tatbestands straffrei bleiben, oder sich mit lächerlich schlechten, verwackelten Youtube-Videos eine Fangemeinde aufbauen konnten. Das passt einfach nicht zusammen, das macht das gesamte Buch unglaubwürdig und den Leser ob der Frage, was er nun glauben und denken soll, ratlos.
II Die Rückblicke auf die angeblich eigene Internetgeschichte im Studentenwohnheim bremsen den Lesefluss.
Christian Humberg holt an einigen Stellen des Buches sehr weit aus, wenn er uns (und seinem Vater) seine eigenen Anfänge mit dem Internet, damals noch im Studentenwohnheim, berichten will. Hier stellt er sich mir dann auch zu sehr als einer der Helden dar, die den Studienkollegen ins Neuland geholfen haben, sich mit schon fast kriminellen Aktionen gegen Hausordnung und Strafgesetzbuch stellten und einfach eine gute Zeit hatten. Diese biografischen Erlebnisse sind zum einen selbst unglaubwürdig und womöglich nicht alle verjährt, was ich als Hinweis auf die eben nicht vorhandene Authentizität werten will, und zum anderen hindern sie den Lesefluss, weil sie nicht in ein Buch mit Namen "Der alte Mann und das Netz" passen wollen.
III Es gibt einige Aufreger, die ich von einem aufgeklärten, internetaffinen Autoren nicht erwartet hätte.
So stellt Christian Humberg in einem kurzen Satz Edward Snowden als Kriminellen (!) dar und kommen für meinen Geschmack mehr als zu viele wirkliche Straftäter ungesühnt davon. Um nicht zu spoilern, kann ich hier nicht weiter ins Detail gehen, die Straftaten sind aber nicht zu überlesen...

Es ist aber nicht alles schlecht am alten Mann, seine drei Sterne hat sich das Buch durchaus verdient für
* die erste Hälfte, die mit Ausflügen zu Bäckerklaus, ersten Schritten eines lernwilligen, aber nicht lernfähigen Rentners und dem noch nicht verlorenen Humor des Autors sehr gut gelungen ist
* die vorhandene Aufklärungs- und Warnarbeit vor allem zum Thema Spam und Phishing
* das kleine, sehr lustige, Wörterbuch für Digital Natives und Horsts am Ende.
Wer sich an all meinen Kritikpunkten nicht stört, wer sich nicht lange an der Frage der Authentizität der Geschichten aufhängt, wer den alten Mann vielleicht als Abschreckung verschenken will, der macht nicht so viel falsch, dass ich ihm das Buch nicht empfehlen würde. Alle anderen sollten vielleicht doch lieber einen eigenen Vergleich mit den Googles machen und bei diesen anfangen.