Mittwoch, 20. Februar 2013

In dieser ganz besonderen Nacht

Normalerweise machen wir hier ja keine Produktrezensionen, aber dieses Buch muss ich Euch einfach empfehlen, weil es so wunderschön ist:
In dieser ganz besonderen Nacht von Nicole C. Vosseler

Mit großer Begeisterung habe ich diesen Roman gelesen. Nein, nicht gelesen, verschlungen. Man möchte das Buch einfach nicht mehr weglegen, weil es eine so wunderschöne, bewegende und tief ergreifende Geschichte erzählt. Umso dankbarer bin ich der Autorin und ihrem Verlag dafür, dass sie das Buch in drei Teilen, aber nicht in Form einer Trilogie, vorlegen. Denn das wäre mit den gegebenen Cliffhangern sehr fies.

Die kurze Beschreibung des Buches auf dem Buchrücken kann niemals einen komplexen Plot beschreiben, ich finde sie bei diesem Buch aber in die Irre führend. Deshalb möchte ich die Story selbst kurz beschreiben.
Amber muss nach dem Krebstod ihrer Mutter aufgrund einer Sorgerechtsvereinbarung und gegen den Willen ihrer Großeltern zu ihrem Vater Ted nach San Francisco ziehen. Ted, den sie kaum kennt, ist unerfahren im Umgang mit einem sechzehnjährigen Teenager, der noch dazu in großer Trauer ist, und zeigt sich anfangs etwas unbeholfen.
Amber findet sich in SF nicht gut zurecht und es kommt, wie es kommen musste, sie wird überfallen. Zuflucht vor den Tätern findet sie in einem alten, verlassenen Haus, von dem sie sich magisch angezogen fühlt. Dort ist sie jedoch nicht alleine …
Nathaniel, ein seltsamer Junge von circa 20 Jahren, ist ebenfalls dort. Nach anfänglicher Vorsicht und Schüchternheit verliebt sich Amber in Nathaniel, aber, obwohl er genau so fühlt, ist es beiden nicht möglich, körperlich zusammenzukommen, denn Nathaniel stammt (und mehr sei hier nicht verraten) aus einer anderen Welt.
In der realen Welt trifft Amber Matt, den Schulgeek und Rebellen, mit dem sie eine andere Erklärung für ihre Zeit mit Nathaniel erlebt. Denn auch Matt kann Nathaniel sehen. Gemeinsam mit Holly, einer verrückten Friseurin und Wahrsagerin, gründen die beiden eine Clique, in der sie sich über ihre Wahrnehmungen unterhalten können. Zu dieser Clique gesellen sich nach einiger Zeit Shane, der Schulschwarm, der seine große Liebe bei einem tragischen Unfall verloren hat, und Abby, die sich dem Gothic verschrieben und einen Selbstmordversuch hinter sich hat. In dieser, aufgrund ihrer Zusammensetzung durchaus interessanten, Clique, an der auch Nathaniel Anteil nehmen kann, gehen die Teenager dem Dasein Nathaniels auf die Spur.
Das Buch erreicht „In dieser ganz besonderen Nacht“, natürlich an Halloween, seinen Höhepunkt, denn nur in dieser Nacht können sich Nathaniel und Amber wirklich nahe sein. Dass Ambers wunderschönes erstes Mal ein Fehler war, der für beide tödlich ausgehen könnte, müssen sie leider schnell erfahren. Und jetzt geht es für die Clique darum, eine Lösung zu finden, um zumindest einen der beiden zu retten …

Der Roman spricht viele Themen an: Krebs, erste Liebe, Dreiecksbeziehungen, Mystisches, Sorgerecht, psychische Probleme, Tod und Nahtoderfahrungen, Verlust, Trauer und Verarbeitung dieser, Freundschaft, Vater-Tochter-Beziehungen, Eingewöhnung in einer neuen Stadt ...
Trotz dieser Themenvielfalt gelingt es Nicole C. Vosseler, ein spannendes, nicht überladenes, Buch vorzulegen, dessen Vielschichtigkeit begeistert. Die Autorin bespricht alle Themen einfühlsam und interessant, ich hatte nicht das Gefühl, dass irgendwo unpassend geschnitten oder gekürzt wurde.

Was mir an „In dieser ganz besonderen Nacht“ besonders gefallen hat:
Die einfühlsame Art, auf die die Autorin von allen Themen und vor allem über die Liebesgeschichte der beiden Hauptpersonen schreibt. Egal, ob wir aus Sicht Ambers oder Nathaniels lesen, beide Seiten sind glaubwürdig, in beide Personen kann man sich einfühlen.
Nathaniel ist ein faszinierender Charakter, dessen wahre Identität mich aufgrund seiner einfühlsam-emotionalen Art und der guten Schreibweise der Autorin, wenn sie in seine Sicht wechselt, sehr überrascht hat. Alle Charaktere sind gut dargestellt, nicht oberflächlich oder stereotyp.
Auch die erotischen Erlebnisse der Beiden sind sehr einfühlsam dargestellt. Die Autorin rutscht dabei aber nie – im Gegensatz zu beispielsweise Kai Mayer in „Dschinnland“ – ins Pornografische ab, sodass der Roman dennoch ab 12 Jahren lesbar bleibt.
Es ist ganz selten, dass ich beim Lesen eines Romans Bilder vor mir sehe. Nicole C. Vosseler schafft es, dass ich nicht nur Bilder sehe, sondern ich mir alle Figuren und ihr Aussehen vorstellen kann, ich als Leserin wurde entführt in eine andere Welt, wurde in den Roman gezogen.
Nicole C. Vosseler schreibt so begeistert und begeisternd von San Francisco, dass man als Leserin sofort dort hinfahren und die Stadt und die – real existierenden – Orte besuchen möchte. Deshalb eignet sich der Roman nicht nur hervorragend, um in eine andere Welt einzutauchen, sondern auch zur Vorbereitung eines SF-Urlaubs. Und auch zur Allgemeinbildung trägt das Buch bei – oder wussten Sie, woher der Name San Francisco kommt? Insbesondere auch die Bedeutung, die Alcatraz in diesem Buch hat, gefällt mir sehr. Wer die Orte in Bildern sehen möchte, dem sei die Facebook-Seite der Autorin empfohlen, auf der sie ihre Fotos der Sehenswürdigkeiten und weitergehende Informationen zur Verfügung stellt. So funktioniert Web2.0!

Ganz fies ist es, den Leser nach witzigen Szenen und Ereignissen mit so tiefer Trauer fast schon zu überfallen, dass bei mir häufig Tränen flossen. Ich habe zuletzt bei Harry Potter 7 so viel geweint wie bei „In dieser ganz besonderen Nacht“ - und ich finde dieses Buch noch um einiges trauriger. Also: Nicht in der Öffentlichkeit lesen und Taschentücher ans Buch kleben. Aber alle Tränen, die ich für und mit „In dieser ganz besonderen Nacht“ vergossen habe, haben sich gelohnt, denn der Roman ist einfach wunderschön.

Wenn ich eine Kritik nennen muss, dann die, dass sich die Autorin im Buch widerspricht beziehungsweise ich ein Geschehnis nicht ganz verstehe. Eine vergleichsweise unbedeutende Kleinigkeit, aber ich habe mich an ihr aufgehängt beim Lesen. Ohne jetzt hier spoilern zu wollen: Auf Seite 203 heißt es, dass man bei Nahtoderfahrungen auf einem sehr bedeutende Platz Menschen trifft, die einem viel bedeutet haben. Wo ist dann die Mutter, als es soweit ist?

Das Buch wird zum Ende hin psychologisch interessant, wenn die Leserin selbst entscheiden darf, an welches der drei angebotenen Enden bzw. welche der drei angebotenen Erklärungen dieses Buches sie glauben möchte: Gibt es Mystisches, war alles real? Oder ist Amber richtig bei ihrer Psychologin, weil sie nach ihrem Trauma durch den Tod ihrer Mutter schwere psychische Probleme und Wahnvorstellungen hat? Und was ist mit dem angebotenen Ende, konnte Amber nicht aus ihrer psychischen Krise gerettet werden, war doch alles real oder hat sie den Obdachlosen schon einmal gesehen und stand er Pate für ihre Wahnvorstellungen? Da alles muss der Leser selbst entscheiden.
Ich glaube übrigens bei diesem Roman an das Übersinnliche, weil es die schönste, romantischste Erklärung ist.

Fazit: „In dieser ganz besonderen Nacht“ ist das beste, einfühlsamste und romantischste deutsche Buch für Leser ab 12, das ich bisher lesen durfte. Glückwunsch an Frau Vosseler für diesen gelungenen, fesselnden Roman, der sicher zum Besteller werden wird!
Ich muss an jedoch eine Warnung aussprechen: Da die Autorin sehr ausführlich auf die Themen Suizid, Tod und Nahtoderfahrungen eingeht, eignet sich dieser Roman nur für stabile, in ihrer Persönlichkeit gefestigte, Leser, denn die teils sehr emotionalen Erfahrungen können triggern. 


Ui, die Reaktion der Autorin auf meine amazon-Rezension ist total schön:
Liebe Frau Bergauer,
ich freue mich unglaublich, dass Sie das Buch so empfunden und so darüber geschrieben haben. Ganz, ganz herzlichen Dank für diese wunderschöne Rezension! :0)
Liebe (und sehr glückliche) Grüße vom See an Sie!