Sonntag, 18. Juni 2017

Wir sehen uns wieder in Walhalla - oder Santiano, Iron Sky und meine Essstörung



Für die Beschreibung dieses Tattoos müssen wir zum August 2011 springen.
Ich wollte endlich abnehmen und ging zu Weight Watchers.
Mein Ziel war damals, endlich alle Achterbahnen im Europa-Park fahren zu können, vor allem die für die Saison 2012 neu zu bauende Holzachterbahn Wodan.


Wie ich heute verstanden habe, habe ich mich damals mit dieser Radikaldiät und übertriebenem Sport viel zu schnell um 35 kg runter gehungert. Wäre ich nicht übergewichtig gewesen, man hätte mir eine Magersucht diagnostizieren müssen.
Eine Situation, die das gut beschreibt: Das Oscar-Wochenende 2012, ich hatte mit den Punkten von Weight Watchers genau geplant, was ich die ganze Woche über wann essen könnte. Und bin am Sonntag Morgen im Film-Museum in Frankfurt umgekippt. Unterzuckerung. Der Arzt vor Ort war schwer geschockt, als ich dennoch weiter die Nahrungsaufnahme (am schnellsten war erstmal eine Cola verfügbar) verweigerte, wegen der Punkte. Sie mussten sie mir quasi rein zwingen.
Und das ist nicht die krasseste Situation, nur die mit der heftigsten sichtbaren Wirkung nach außen.

Vor der Magersucht mit Weight Watchers
 


Wie es kaum anders sein kann, wenn man den Körper so strapaziert, wurde ich krank.
Trigeminus-Neuropathie, Tinnitus, Schlafstörungen bis hin zu gar nicht mehr schlafen können, ständig irgendwelche Infekte.
Aber ich zog trotz allem die Diät durch. Ja, Weight Watchers ist eigentlich eine Ernährungsumstellung. Aber nicht, wenn man so ins Extrem rutscht wie ich.

Mit dieser Qual für meinen Körper war ich im April 2012 viel zu krank für die Achterbahnen. Aber nicht mehr zu rund, das Ziel hatte ich erreicht.
Dennoch musste ich einige Zeit warten bis ich mit in den Europa-Park konnte.

Und vor dem Zusammenbruch, auch zu verstehen als nach der Magersucht, als mein Körper nicht mehr konnte




In der Zwischenzeit waren wir im Kino. In Iron Sky.
Ein Film, der auch mit der nordischen Mythologie spielt. Wenn jemand von den Gegnern der Erde (wobei es im Film nicht eindeutig schwarz und weiß gibt) stirbt, sagt er: "Wir sehen uns in Walhalla".
Ein völlig kranker Film, aber dieser Spruch blieb haften.


Nicht nur, weil die Thematisierung von Wodan auch mit der nordischen Mythologie spielt.

Als ich dann endlich, endlich mit konnte in den Europa-Park hatte sich mein Ziel geändert. Ich hatte mich überreden lassen, Blue Fire ebenfalls zu testen. Und an die rannten wir als erstes.
Ich hatte soooo Panik, dass ich zu Andreas gesagt habe "Wir sehen uns in Walhalla".

Und das Zitat wurde zu unserer Tradition vor einer Fahrt auf Blue Fire.
Wir sehen uns in Walhalla.

Wodan machte mir übrigens weniger Spaß, bis heute ist Wodan keine Bahn, die wir gerne fahren.

Aber es kam, wie es kommen musste: Als ich mein Ziel erreicht hatte, brach ich zusammen. Die ganze psychisch kranke Energie brach weg, übrig blieben die physischen Krankheiten.
Und ein krasser Rückfall in meine Essstörung.
Die abgenommenen 35 kg und noch mehr hatte ich binnen Wochen wieder drauf.


Es gibt aus der Zeit kaum Bilder von mir ...

Die psychische Situation stabilisierte sich zwar mit der gesundheitlichen, aber Abnehmen klappte nicht mehr. Im Mai 2013, bei unserem ersten Besuch der Saison, war klar, was sich vorher nur angedeutet hatte: Blue Fire war für mich nicht mehr möglich.
Mir ging es nicht gut. Gar nicht. Kann man sich sicher vorstellen. Der Traum einfach zerstört.

Kurz darauf kam der Song von Santiano, den ich mein Leben lang als das eine Lied bezeichnen werde, das mich mehr prägte als jedes andere: Bis in alle Ewigkeit (Walhalla).


"Wir sehen uns wieder in Walhalla!"
wurde zu meinem Versprechen an mich selbst, wieder Walhalla, also Blue Fire, zu erreichen.

Es hat drei Jahre gedauert:
über ein Jahr falsche, nicht hilfreiche Therapie-Versuche mit zwei stationären Aufenthalten,
im Mai 2014 endlich eine gute Verhaltenstherapeutin, mit der zusammen ich rausfinden konnte, was ich für mich brauche und was mir ganz persönlich gut tut,
im September 2014 die ADHS-Diagnose und ADHS-Medikamente, die mein Leben veränderten,
ab Oktober 2015 ein Endokrinologe, der mir mit speziellen Medikamenten weiter helfen konnte,
ab Januar 2016 wieder Sport im Fitnessstudio.
Und immer, immer mein Mantra. WIR SEHEN UNS WIEDER IN WALHALLA.

Im Mai 2016 stand ich da, wo es mich so lange hin rief: Walhalla, die Warteschlange von Blue Fire.




Und Andreas und ich konnten uns wieder sagen: Wir sehen uns in Walhalla.
Nein, stimmt nicht ganz, denn jetzt sehen wir uns wieder. Wir sehen uns wieder in Walhalla.



Damit ich mich selbst immer daran erinnern kann, dass ich Walhalla nie, nie wieder verliere, kam im Juli 2016 dieses Tattoo.

Verarbeitet haben wir, wie vorher abgesprochen:
- Die Schienen von Blue Fire, 
- selbstverständlich das Zitat "Wir sehen uns wieder in Walhalla"
- Walhalla als freudigen Ort mit Blue Fire, Polarlicht, strahlendem Wetter
- beerfarbenes Papierschiff, das mich symbolisiert
- ein grünes Papierschiff: Andreas, der die ganze Zeit in Walhalla auf mich wartete
- als ich durch die stürmische See musste


und, das war eine spontane Entscheidung, mit der ich aber sehr, sehr glücklich bin:
Nessie.


Nessie ist eine Seeschlange, die jahrelang im Europa-Park stand. Sie hat immer wieder den Standort gewechselt und als klar war, dass der Park den bisherigen Kinderbereich verändern würde, hatte ich ein schlechtes Gefühl. Denn Nessie war alt, das sah man ihr auch an. Ich hatte versucht, sie dem Park abzukaufen, aber man sagte mir, man hätte noch nicht entschieden, was aus ihr wird.
 Jedes Mal wenn wir danach im Park waren, suchten wir wirklich überall nach Nessie. Sogar die Müllplätze, jeden Lagerplatz, alles schauten wir uns ganz genau an.
Und hofften, dass sie in Irland auftaucht.
Aber sie war nirgens.
Am Morgen des Tätowier-Termins erfuhr ich, dass man sie (versehentlich?) schon bei den Abrissarbeiten getötet hatte.
Und ich beschloss, dass Nessie, die wirklich meine Lieblings-Deko im Park war, und ich uns im wirklichen Walhalla, also nach meinem Tod, wiedersehen würden. Deshalb ruft sie mir seitdem zu: Wir sehen uns wieder in Walhalla.

Ob das die Idee des Tattoos verändert hat? Wenn man es zu nahe betrachtet, sicher. Aber von meinem Gefühl her nicht. Und wir wissen ja: