http://www.amazon.de/dp/3944296524/ref=rdr_ext_tmb
Vorweg: Ich halte eigentlich überhaupt
nichts davon, mit gerade einmal 28 Jahren eine Biografie oder ein
Buch mit autobiografischen Zügen zu veröffentlichen. Lexy Hells
Ziel ist es aber vor allem, ihre Leser zu unterhalten, indem sie das
Ungleichgewicht zwischen ihrer Herkunft, ihren Tätowierungen und
ihrer Arbeit im Swingerclub beziehungsweise auf dem Laufsteg
darstellt. Dieses Buch eine Mischung aus Kurzgeschichten und
biografischer Aufarbeitung.
Einiges in diesem Buch erschließt sich
mir nicht:
Wenn das Model beispielsweise
behauptet, dass sie als tätowierte Frau keine echten Jobchancen in
Berlin hatte, dann bin ich entweder zu blauäugig oder bilde ich mir
die sichtbar tätowierten Menschen in verschiedenen Jobs schon seit
Jahren ein. Und die Stadt, aus der ich komme, ist mit 300.000
Einwohnern deutlich kleiner als Berlin ...
Wieso die schlecht bezahlte Tätigkeit
im Swingerclub die einzige Alternative für einen flexiblen Job sein
soll, weiß ich dann auch nicht. Ich bin überzeugt, dass die Autorin
auch andere Jobs gefunden hätte, und erlebe daher schon die
Eingangsprämisse, dass Lexy Hell in diesem Club arbeiten musste, als
seltsam. Auch irritierend, dass Lexy den Job so lange nicht aufgeben
konnte, weil sie das Geld brauchte. Oder, dass Webcam-Sex die zweite
einzige Alternative sein soll.
Letztlich noch die Frage, ob Lexy im
Swingerclub keine Verschwiegenheitserklärung unterzeichnen musste?
Nicht nur dürften ihre früheren Stammgäste die Autorin und damit
den Swingerclub erkennen, sie müssten auch mitbekommen, dass sie
hier als Unterhaltungslektüre dienen. Ich glaube kaum, dass Gäste
oder Chef darüber so glücklich sind ...
Diese und mehrere Punkte lassen in mir
das Gefühl aufkommen, dass die Autorin hier entweder keine
glaubwürdige Biografie vorlegt (rein Gefühl, das durch zeitliche
Fehler beispielsweise die Erstkommunion einer Fünfjährigen, die auf
dem Bild vier Jahre älter aussieht und das völlige Fehlen eines
Bezugs zur Affäre, die Lexy vor einigen Jahren doch erst bekannt
richtig machte) oder ich sie einfach nicht verstehen kann, weil die
Dame aus einer völlig anderen Welt mit ganz anderen Lebens- und
Jobeinstellungen kommt. Diese Welt wäre dann aber so anders, dass
sich wohl kaum jemand in die Erklärungen reinversetzen kann ...
Im Folgenden betrachte ich dieses Buch
als unterhaltsame Sammlung von Kurzgeschichten und einer teils
vielleicht autobiografischen Lebensgeschichte. Ich will der Autorin
ihre Erlebnisse nicht absprechen, aber Zweifel am biografischen
Gehalt müssen aufgrund mehrerer Faktoren erlaubt sein.
Was bietet das Buch?
Lexy Hell erzählt aus einem amüsanten,
sehr abwechslungsreichen Leben zwischen ihrem Aufwachsen in
Österreich, dem Umzug ins schillernde Berlin mit exzessiven
Partynächten, ihren Jobs auf dem Laufsteg und im Swingerclub und
ganz am Ende dem Schock ihrer Krebsdiagnose. Am unterhaltsamsten
sind hier die kurzen Schilderungen der skurrilsten Begegnungen im
Club. Ob der Herr, der immer alleine kommt, um sich ohne Kontakt zu
Anderen zu befriedigen, der flotte Damenclub oder die traurige
Geschichte von Jürgen, der tiefgekühlte Pizza ist und unwissend
eine Prostituierte liebt, alle Stories haben einen großen
Unterhaltungswert. Erotik hat das Buch kaum zu bieten, Skurrilität
steht klar im Vordergrund.
Die Swingerclub-Stories zeichnen sich
durch einen schnellen, lustigen, aber stets leicht zu lesenden
Schreibstil aus. Wenn er es schafft, die Fragen nach der
Authentizität des Buches zu ignorieren, darf sich der Leser
insgesamt über eine flüssige Lektüre freuen, die sich ideal dafür
eignet, an einem ruhigen Abend verschlungen zu werden.
Nur das Ende zieht sich wie Kaugummi,
weil den letzten 15 Seiten der vorher spritzige, flüssige Humor
fehlt. Da wird das wilde Leben nachdenklicher und langsamer,
gleichzeitig aber gehetzter. Vermutlich wollte die Autorin noch
einiges mitteilen, verfing sich aber einerseits in der nach einer
Krebsdiagnose verständlichen Nachdenklichkeit und andererseits in
einem immer näherkommenden Abgabeschluss.
Mein Fazit: Ich bereue nicht, das Buch
gelesen und verschlungen zu haben, kann aber alles in allem nur drei
Sterne geben, weil für mich doch zu viele Fragen nach der
Authentizität und ein zu langatmiger Schluss zu Abzügen führen.