Mittwoch, 21. Mai 2014

Mein wildes Leben zwischen Laufsteg und Swingerclub




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Vorweg: Ich halte eigentlich überhaupt nichts davon, mit gerade einmal 28 Jahren eine Biografie oder ein Buch mit autobiografischen Zügen zu veröffentlichen. Lexy Hells Ziel ist es aber vor allem, ihre Leser zu unterhalten, indem sie das Ungleichgewicht zwischen ihrer Herkunft, ihren Tätowierungen und ihrer Arbeit im Swingerclub beziehungsweise auf dem Laufsteg darstellt. Dieses Buch eine Mischung aus Kurzgeschichten und biografischer Aufarbeitung.

Einiges in diesem Buch erschließt sich mir nicht:
Wenn das Model beispielsweise behauptet, dass sie als tätowierte Frau keine echten Jobchancen in Berlin hatte, dann bin ich entweder zu blauäugig oder bilde ich mir die sichtbar tätowierten Menschen in verschiedenen Jobs schon seit Jahren ein. Und die Stadt, aus der ich komme, ist mit 300.000 Einwohnern deutlich kleiner als Berlin ...
Wieso die schlecht bezahlte Tätigkeit im Swingerclub die einzige Alternative für einen flexiblen Job sein soll, weiß ich dann auch nicht. Ich bin überzeugt, dass die Autorin auch andere Jobs gefunden hätte, und erlebe daher schon die Eingangsprämisse, dass Lexy Hell in diesem Club arbeiten musste, als seltsam. Auch irritierend, dass Lexy den Job so lange nicht aufgeben konnte, weil sie das Geld brauchte. Oder, dass Webcam-Sex die zweite einzige Alternative sein soll.
Letztlich noch die Frage, ob Lexy im Swingerclub keine Verschwiegenheitserklärung unterzeichnen musste? Nicht nur dürften ihre früheren Stammgäste die Autorin und damit den Swingerclub erkennen, sie müssten auch mitbekommen, dass sie hier als Unterhaltungslektüre dienen. Ich glaube kaum, dass Gäste oder Chef darüber so glücklich sind ...
Diese und mehrere Punkte lassen in mir das Gefühl aufkommen, dass die Autorin hier entweder keine glaubwürdige Biografie vorlegt (rein Gefühl, das durch zeitliche Fehler beispielsweise die Erstkommunion einer Fünfjährigen, die auf dem Bild vier Jahre älter aussieht und das völlige Fehlen eines Bezugs zur Affäre, die Lexy vor einigen Jahren doch erst bekannt richtig machte) oder ich sie einfach nicht verstehen kann, weil die Dame aus einer völlig anderen Welt mit ganz anderen Lebens- und Jobeinstellungen kommt. Diese Welt wäre dann aber so anders, dass sich wohl kaum jemand in die Erklärungen reinversetzen kann ...

Im Folgenden betrachte ich dieses Buch als unterhaltsame Sammlung von Kurzgeschichten und einer teils vielleicht autobiografischen Lebensgeschichte. Ich will der Autorin ihre Erlebnisse nicht absprechen, aber Zweifel am biografischen Gehalt müssen aufgrund mehrerer Faktoren erlaubt sein.

Was bietet das Buch?
Lexy Hell erzählt aus einem amüsanten, sehr abwechslungsreichen Leben zwischen ihrem Aufwachsen in Österreich, dem Umzug ins schillernde Berlin mit exzessiven Partynächten, ihren Jobs auf dem Laufsteg und im Swingerclub und ganz am Ende dem Schock ihrer Krebsdiagnose. Am unterhaltsamsten sind hier die kurzen Schilderungen der skurrilsten Begegnungen im Club. Ob der Herr, der immer alleine kommt, um sich ohne Kontakt zu Anderen zu befriedigen, der flotte Damenclub oder die traurige Geschichte von Jürgen, der tiefgekühlte Pizza ist und unwissend eine Prostituierte liebt, alle Stories haben einen großen Unterhaltungswert. Erotik hat das Buch kaum zu bieten, Skurrilität steht klar im Vordergrund.

Die Swingerclub-Stories zeichnen sich durch einen schnellen, lustigen, aber stets leicht zu lesenden Schreibstil aus. Wenn er es schafft, die Fragen nach der Authentizität des Buches zu ignorieren, darf sich der Leser insgesamt über eine flüssige Lektüre freuen, die sich ideal dafür eignet, an einem ruhigen Abend verschlungen zu werden.
Nur das Ende zieht sich wie Kaugummi, weil den letzten 15 Seiten der vorher spritzige, flüssige Humor fehlt. Da wird das wilde Leben nachdenklicher und langsamer, gleichzeitig aber gehetzter. Vermutlich wollte die Autorin noch einiges mitteilen, verfing sich aber einerseits in der nach einer Krebsdiagnose verständlichen Nachdenklichkeit und andererseits in einem immer näherkommenden Abgabeschluss.

Mein Fazit: Ich bereue nicht, das Buch gelesen und verschlungen zu haben, kann aber alles in allem nur drei Sterne geben, weil für mich doch zu viele Fragen nach der Authentizität und ein zu langatmiger Schluss zu Abzügen führen.