Dienstag, 28. Oktober 2014

Aquarius oder warum ich unsere Kreuzfahrt storniere


Eigentlich bin ich kein Fan von Thrillern, weil mir die durchgezogene Spannung und die Gewichtung von Handlung statt der Charaktere nicht so liegt. Aber was, wenn der Thriller nicht nur vom deutschen Lieblingsautoren geschrieben wurde, sondern auch noch ein bislang in der Fantasy zu kurz gekommenes Thema, Meerjungfrauen und Meeresungeheuer, aufgreift? Genau, ich komme nicht um das Buch rum und lese es.



Wenn ein Thriller schon "Aquarius" heißt, müssen die Leser natürlich damit rechnen, auf das Musical Hair zu stoßen. Ich habe es mir auf der BuCon in Dreieich daher nicht nehmen lassen, Thomas Finn persönlich zu fragen, ob sich interessierte Leser das Hippie-Musical vorher ansehen sollten. Wie ich dann auch im Buch gemerkt habe, ist das nicht zwingend nötig, kann aber auch nicht schaden - vom Titelsong "Aquarius" kommt der Leser sowieso tagelang nicht los. Das Lied hat mich bis in den Schlaf verfolgt: "This is the Dawning of the Age of Aquarius ..." ...
Das nur als Vorwarnung, denn es dürfte (fast) allen Lesern ähnlich gehen!

Trotz der Ohrwurmgefahr legt Thomas Finn mit Aquarius einen packenden Thriller vor, dem es weder an einem tiefgründigen Protagonisten noch an sympathischen und gefährlichen Antagonisten oder den für den Autor typischen lehrreichen Fantasyelementen fehlt.
Der Thriller fesselt seine Leser zwar nicht ab der ersten Seite, das Buch muss erst Fahrt aufnehmen, aber ab circa Seite 50 bis zur letzten Seite konnte ich Aquarius nicht mehr weglegen. Man sah mich nur noch ins Buch vertieft durch die Wohnung gehen, essen etc. Aquarius ist so packend, dass meine Umgebung stets wusste, was grad im Buch passiert, weil ich an den richtigen Stellen gestöhnt oder - mit der Spannung immer seltener - gelacht und auch geweint habe.
Der Spannungsaufbau gelingt Thomas Finn allein durch seinen Schreibstil besser als vielen Filmschaffenden in abendfüllenden Blockbustern. Ob ich mir deshalb aber eine - wohl sowieso unrealistische - Buchverfilmung wünschen soll? Da bin ich zweigespalten, weil Buchverfilmungen zu oft in die Hose gehen und dieser Thriller einen solchen Katastrophenfilm nicht verdient hat. Thomas Finn regt die Phantasie der Leser mit seiner blühenden Kreativität auch ausreichend an, um das Ganze nicht auf der großen Leinwand sehen zu müssen. Aber Spaß würde der Film definitiv bringen - und allein das Buch verspricht eine weitaus höhere filmische Qualität und Spannung als die großen Kinothriller.
Die Charaktere sind nicht so oberflächlich und stereotyp angelegt, wie ich es von anderen Thrillern kenne, insbesondere die Hauptpersonen, aber auch die Antagonisten, sind facettenreich. Es fällt mir als Leserin nicht einfach, zu entscheiden, welche der handelnden Personen aus "Aquarius" böse sind, welche Handlungen ich nicht vielleicht doch nachvollziehen kann. Ich glaube, dass der Autor bewusst auf die Schwarz-Weiß-Zeichnung seiner Antagonisten verzichtet hat, was das Buch umso spannender und intensiver macht.
Nicht nur aus diesem Grund, sondern auch aufgrund der vielen erhältlichen Informationen, lädt Aquarius zum Nachdenken, Recherchieren und Lernen ein. Bis ich das Buch in der Hand hielt, war mir beispielsweise nicht klar, wie viele Arten der gefährliche Monsterwellen es gibt, dass Norddeutschlands Küsten Ruinen zu bieten haben oder wie weit verbreitet der Glaube an Meerjungfrauen heute noch ist. Es lohnt sich, interessante Stellen entweder gleich nachzuschlagen oder zu markieren, um sie später zu recherchieren und Aquarius so als Anregung für weitere Lektüre zu den angeschnittenen Themen zu nutzen.
Insgesamt kann ich nur sagen, dass Aquarius faszinierende Informationen bietet, aber vor allem ein packender Thriller um ein Thema ist, das mich noch lange verfolgen wird. Meinen Mann werde ich jedenfalls nicht mehr ins Meer lassen - und nachher storniere ich unsere Kreuzfahrt.

Trotz der Begeisterung, die während meiner knapp fünfstündigen Lesezeit auch meine Umgebung mitbekam, muss ich Kritik an Aquarius äußern:
- Es werden am Ende nicht alle Fragen beantwortet, das Buch bleibt bei manchen angesprochenen Aspekten für meinen Geschmack sehr offen.
- Das Ende des Buches gefällt mir persönlich auch aus anderen Gründen nicht ganz, die ich hier aber zur Spoilervermeidung nicht wiedergebe. Es handelt sich zwar um nicht allzu viele offene Fragen, die für die Handlung auch keine große Rolle spielen, aber mich störte deren Nicht-Beantwortung am Ende.
Wie ich von Thomas Finn weiß, würde er sehr gerne einen zweiten Teil schreiben und hat auch schon Ideen dazu im Kopf, die hoffentlich die offenen Fragen beantworten. Aber es liegt nicht in seiner Hand, ob es eine Fortsetzung geben wird. Daher: Kaufen und Weiterempfehlen!