Ich könnte an dieser Stelle natürlich behaupten, dass Andreas und ich nach London geflogen sind, weil wir mal wieder einen Städteurlaub machen wollten.
Oder ich könnte behaupten, dass wir auch mal günstig shoppen wollten.
Oder ... oder ... oder ...
Die Wahrheit ist aber anders.
Wir schreiben den 23. Februar 2013. Es ist der Tag, an dem ich mich unsterblich in die Musik eines bis dahin von mir wenig beachteten Musicals verliebe. Les Misérables.
Seit ich die Verfilmung gesehen hatte, hatte ich einen Traum: Ein Mal das Musical sehen, denn bekanntlich sind Musicals immer besser als ihre Verfilmungen. - seltene Ausnahmen wie Chicago bestätigen die Regel -
Jetzt habe ich eigentlich einen sehr liebenswerten, lieben Mann, der meine Träume erkennt und mit mir zu erfüllen versucht. Auch wenn sie nicht immer ganz verständlich sind für ihn. Nicht immer ... er wollte Les Misérables auch sehen. Tja, die nahegelegendste Möglichkeit ist nun mal London. Also ging es an die Planung eines London-Urlaubs rund um den Besuch des erträumten Musicals.
Und die WB Studio Tour wollte ich, das nebenbei bemerkt, auch gerne mal sehen.
Aus "Wir brauchen einen Tag für Les Mis" und die Harry Potter Filme wurden dann:
- Andreas will nach Greenwich
- Tanja würde gerne noch mal ihr Seelenmusical Wicked sehen
- Hamleys, der größte Spielwarenladen der Welt, wäre auch eine tolle Idee
- den Tower haben wir auch noch nie gesehen
=> Okay, lass uns von Montag bis Freitag fahren.
Kurzfristig kamen dann noch Madame Tussauds (hätten wir uns sparen können) und das Phantom der Oper dazu. Also ein recht voller Plan. Alles, das sei noch mal betont, entstanden aus dem Wunsch, ein Mal das Original-Musical Les Misérables zu sehen.
Hat sich Les Misérables denn wenigstens gelohnt?
Um es kurz zu machen: Ja, es hat sich gelohnt, einen Urlaub um ein Musical zu planen! Es hat sich sehr gelohnt, den London-Urlaub um und für Les Misérables zu planen! Ich bin überzeugt, dass wir diesen Trip für kein anderes Musical unternommen hätten, also muss ich das auch deutlich sagen: Les Misérables hat zu Recht einen Urlaub bestimmt!
Allein schon das Theater, das schon von außen einen grandiosen Abend verspricht.
Und auch die Inneneinrichtung kann sich sehen lassen ...
Wenn ich unbedingt einen Negativpunkt finden muss, würde ich die Darstellerin der Cosette nennen, die im Vergleich mit allen anderen Sängern nur durchschnittlich war. Um das jetzt aber richtig einordnen zu können: Sie war nicht schlecht, sie hätte immer noch viele andere an die Wand gesungen, beispielsweise die leider schlechte Elphaba in unserer Vorstellung vom Dienstag - die anderen Darsteller waren unglaublich gut!
Auch der Selbstmord von Javert war nicht so gut. Keinerlei Kritik haben wir an der schauspielerischen und gesanglichen Leistung, aber man hätte mehr draus machen können als den Sprung von einer imaginär hohen Brücke. Das wurde im Film viel besser umgesetzt - aber da hat man natürlich ganz andere Möglichkeiten.
Und wir sind sicher nicht ausländerfeindlich und wollen die sehr gute Leistung von Na-Young Jeon nicht in Frage stellen. Aber in ein Musical, das im 19. Jahrhundert spielt, passt in diese Rolle keine Asiatin.
Aber es gab so viel Positives am Musical, das uns voll und ganz überzeugen konnte:
+ Dass mir die Musik sehr gefällt, muss ich nicht noch mal erwähnen, das habe ich oben schon gesagt.
+ Wie schon gesagt, waren die Darsteller wahnsinnig gut. Selbst der Junge, der Gavroche spielte, war besser als viele deutsche Musicaldarsteller (sorry!). Und wir durften Anton Zetterholm als Enjolras sehen. Seinen Werdegang verfolgen wir, seit er uns bei "Tarzan sucht Jane" aufgefallen ist, aber mit dieser Rolle und einer sehr großen stimmliche Bandbreite hat er uns überrascht. Das hatte ich nicht erwartet.
+ Das Bühnenbild war schlicht, aber umwerfend gut. Sei es das Rad im Boden, das vergehende Zeit anzeigte, während die Schauspieler drüber liefen, rannten und tanzten oder die Bühnenaufbauten, die einfach mal schnell umklappten, um zu den Barrikaden zu werden.
+ Als ich Videos von der Schlacht gesehen habe, war ich zugebeben erst etwas irritiert, das sah eher schlecht aus. Auf der Bühne kommt das aber richtig gut! Die Darsteller laden ihre Waffen richtig (sehen wir mal davon ab, dass sie die Muskete ohne Patrone verschießen, wie Andreas aka Korinthenkacker anmerkte ...), es wird geschossen und geknallt, sodass das Publikum erschrickt.
+ Das ganze Publikum hat aufgrund der traurigen, bewegend präsentierten Geschichte geweint *snüff*
Ich kann das auch kurz fassen: Als der Schlussvorhang fiel, sagte ich, der Musicalfan in unserer Beziehung, zu Andreas "Das war wohl unser letztes Musical. Nach Les Misérables wird uns nie wieder ein Musical gefallen. Wir haben grad das Beste gesehen, das die Musicalwelt zu bieten hat und zu bieten haben wird!"
Er nickte nur ... - Natürlich werden wir wieder in Musicals gehen, aber Les Mis wird für immer und alle Zeiten Nummer 1 bleiben. Auf unserer Filmskala müsste ich die 100 neu erfinden *love*
Ich will zurück nach London!!!!
Jetzt stellt sich noch die Frage, ob sich die restliche Musicalwoche dennoch gelohnt hat.
Beginnen wir mit Wicked.
Es war noch mal schön, mein Seelenmusical zu sehen. Aber die enge Bindung ist nicht mehr da. Ich glaube, dass im Leben alles seine Zeit hat - und die Zeit, in der ich Wicked brauchte, ist vorbei. Ich finde aber noch immer, dass Wicked ein grandioses Musical mit einer sehr wichtigen Geschichte ist.
Am West End aber sprang der Funke nicht über, weil Gina Beck als Glinda die Elphaba an den Boden sang. Die noch sehr junge Zweitbesetzung war nicht schlecht, aber völlig überfordert mit ihrer Aufgabe. Wir sind nach sechs Wicked-Besuchen, bei denen wir fünf Mal Willemijn Verkaik sehen durften, natürlich auch verwöhnt. Sie ist und bleibt einfach die einzige Verkörperung von Elphaba.
Am Mittwoch waren wir in Phantom of the Opera.
Ich wollte das Musical immer mal sehen, bevorzugt natürlich im Original. Andreas hat das so gar nicht interessiert, weil er die Musik okay, die Story aber wenig interessant, findet und wir beide wenig von Andrew Lloyd Webber halten. Bei den günstigen Preisen am West End konnte ich mich aber durchsetzen, das Phantom kam auf die Liste.
Das Musical ist jetzt nicht so überragend, dass ich es noch mal sehen müsste, es ist aber das mit Abstand beste von Webber. Was auch nicht schwer ist, da der Herr ja sehr gerne ganze Stücke im zweiten Akt wiederholt ... Die sehr talentierten Sänger holten das Beste aus den Stücken, die Inszenierung konnte überzeugen und die Tatsache, dass wir zufällig die Geburtstagsvorstellung erwischt hatten, war lustig. Das Theater war voll, es gab am Ende Konfettiregen und eine Torte für die Darsteller ...
Die Plätze sowohl in Wicked als auch beim Phantom machten uns aber wahnsinnig. Ja, die Theater sind alt - das ist aber kein Grund, sie so eng zu bestuhlen, dass selbst ich mit meinen 1,62 m meine Knie nicht normal unterbringen kann. Es war eng, unangenehm und brandschutztechnisch besorgniserregend. Für Wicked hatten wir pro Person 25 Pfund (knapp 30 Euro), fürs Phantom 50 Pfund (knapp 60 Euro) gezahlt. Ich muss ehrlich sagen, dass wir bei unserem Willemijn geschuldeten Spontanbesuch in Mamma Mia für ungefähr das gleiche Geld wie im Phantom ungefähr genau so gut gesehen haben, aber viel bequemer saßen. Das ist eben der Vorteil der für Musicals errichteten Theater ...
Her Majestys Theatre ist aber durchaus schick, von Außen ein schönes Gebäude.
Ob wir's wieder tun würden? Abhängig vom Musical. Wahrscheinlich schon, aber mit kleinen Veränderungen wie Gangplätzen, weil Andreas da ein Bein rausstellen kann.





