Mittwoch, 18. Februar 2015

Review: Selma

Erstmal zu den Diskussionen um zu wenige Nominierungen für den Film: Natürlich ist Selma ein Teil der westlichen Geschichte, der zu unbekannt ist. Und ja der Hauptdarsteller sollte statt anderer eine Oscarnominierung haben (Steve Carell zum Beispiel).
Aber Selma ist klassisches Oscarmaterial, in allen Kategorien. Ein sehr solides, emotional düsteres Biopic. Und von daher erstens offensichtlich wirklich selbst an den angeblich zu wenigen Nominierungen schuld (man sollte das Vorstellen nicht versäumen, Wahlwerbung nennt sich das!) und zweitens mir persönlich zu sehr Oscar-Bait. Irgendwann überholt sich das Rassismus-Thema dann doch mal, denn zwar ist das immer noch ein Problem, aber es gibt drängendere, beispielsweise Unterdrückung wegen der sexuellen Orientierung oder die stark bedrohte Freiheit aller.

Ich würde wirklich gern mal einen innovativen Film wie Gone Girl mit mehr Nominierungen und dem besten Film sehen nicht immer so perfekt durchgeplante, historisch wichtige Filme wie in den Jahren seit und auch vor The Artist.

Ich will aber den Film, nicht das Drumherum, bewerten.

Und zum Film fällt mir Kritik schwerer, auch wenn es welche gibt:
- Die Musik ist nicht wirklich passend, vor allem Glory passt nicht so richtig finde ich. Ich hätte mir eher Gospel als Rap gewünscht.
- Dass die Regisseurin historische Ungenauigkeiten und Fehler zulässt, sie aber Fefe-artig entschuldigt, dass aufgeklärte Zuschauer sich selbst informieren sollten, spricht nicht für den Film.
- Ich hätte mir einige hellere Momente gewünscht, wie es sie in der Zeit sicher auch gab. Die hätten die emotional schwere Kost etwas aufgelockert.

Ich habe aber mehr Lob als Kritik:
* Selma hat einige starke Bilder, vor allem beim Marsch über die Brücke, wenn es immer mehr Menschen und darunter auch weiße werden und sich alle knien.
* Die zwangsweise abgeänderten Reden sind immer noch bewegend und scheinen sorgsam und vorsichtig statt mit dem Holzhammer bearbeitet.
* Der Hauptdarsteller ist wie gesagt wirklich stark, aber auch die anderen Hauptrollen gefallen mir.
* Vermutlich wird niemand aus Selma kommen, ohne nachdenklich zu sein über die Geschichte und die heute noch anhaltenden Diskriminierungen, die ja in den letzten Monaten stark hoch kochten.
* Trotz der historischen Relevanz ist Selma kein schwer verdaulicher Schinken wie letztes Jahr 12 Years a Slave.

Ich gebe 6,5 von 10.

Nach dem ganzen Theater würde es mich übrigens nicht wundern, wenn Selma der Geheimtipp auf den besten Film wäre, weil man der "Jury" erfolgreich ein schlechtes Gewissen machte...